Mehr als vier Jahrzehnte lang blieb der Mord an Renate Borst ein dunkles Kapitel in der Kriminalgeschichte Baden-Württembergs. Die damals 31-jährige Frau wurde im März 1985 nahe Deggingen im Landkreis Göppingen tot aufgefunden. Ihr Körper lag im Gewann Winterhalde, neben einem Waldweg am Albtrauf. Die Tat erschütterte damals die Region, doch trotz intensiver Ermittlungen blieb der Fall ungelöst. Kein Geständnis, kein Urteil, keine endgültige Antwort für die Angehörigen. Nun, 41 Jahre später, könnte ausgerechnet eine Spur aus dem Jahr 1985 den entscheidenden Durchbruch gebracht haben.
Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen Anklage gegen einen heute 70-jährigen Mann erhoben. Ihm wird vorgeworfen, Renate Borst damals zunächst vergewaltigt und anschließend getötet zu haben. Nach Darstellung der Ermittler soll der Beschuldigte die 31-Jährige in seinem Auto mitgenommen und zu einem abgelegenen Waldweg bei Deggingen gebracht haben. Dort soll es zu einem Sexualdelikt gekommen sein. Anschließend, so der Vorwurf, habe er massive Gewalt gegen sie ausgeübt: Er soll sie gewürgt, ihr mehrfach mit einem Stein auf den Kopf geschlagen und sie möglicherweise auch mit einem Fahrzeug überrollt haben. Die Leiche wurde mehr als zwei Wochen später gefunden.
Besonders grausam ist, was die Ermittler heute rekonstruieren: Der Beschuldigte soll die Frau an ihrem BH einen Abhang hinuntergezogen und nackt im Wald zurückgelassen haben. Schon die damalige Obduktion ergab schwerste Verletzungen an Kopf und Oberkörper. Das Verletzungsbild ähnelte nach früheren Angaben sogar dem eines Überrollens mit einem Kraftfahrzeug. Der Fall erregte 1985 großes öffentliches Interesse. In der lokalen Presse wurde damals unter anderem ein Bild der Getöteten veröffentlicht, um Hinweise zu erhalten. Doch trotz aller Aufmerksamkeit blieb der mutmaßliche Täter jahrzehntelang unerkannt.
Der Durchbruch kam erst durch moderne Ermittlungsarbeit. Die Ermittlungsgruppe „Oberberg“ beim Kriminalkommissariat Göppingen nahm den alten Fall erneut unter die Lupe. Alte Beweise wurden neu bewertet, rechtsmedizinische Gutachten erstellt und DNA-Spuren mit heutigen technischen Möglichkeiten überprüft. Eine bereits 1985 gesicherte DNA-Spur soll dabei eine wesentliche Rolle gespielt haben. Genau das zeigt, wie wertvoll alte Asservate sein können. Was damals technisch noch nicht ausreichte, kann Jahrzehnte später plötzlich zu einer belastbaren Spur werden.
Bereits im November 2025 durchsuchten Ermittler ein Wohnhaus in Schwendi im Kreis Biberach. Damals richtete sich die Maßnahme gegen einen 69-jährigen Mann. Bei dem Einsatz waren zahlreiche Beamte beteiligt, auch Spezialkräfte kamen zum Einsatz. Die Polizei setzte unter anderem Technik ein, mit der Hohlräume untersucht werden können. Zahlreiche mögliche Beweismittel wurden beschlagnahmt und anschließend ausgewertet. Der Mann wurde damals noch am selben Tag wieder freigelassen, doch die Ermittlungen liefen weiter.
Im April 2026 folgte dann die Festnahme. Der inzwischen 70-Jährige wurde in seinem Zuhause ohne Widerstand festgenommen. Noch am selben Tag ordnete ein Haftrichter Untersuchungshaft wegen Mordverdachts an. Nach Angaben der Ermittler habe sich der Tatverdacht durch die Neubewertung vorhandener Beweismittel, das rechtsmedizinische Gutachten und den Abgleich der DNA-Spuren erhärtet. Der Mann schweigt bislang zu den Vorwürfen. Das ist sein Recht. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.
Nun muss das zuständige Gericht entscheiden, ob es die Anklage zulässt und ein Hauptverfahren eröffnet. Dieser Schritt ist entscheidend. Denn auch wenn die Staatsanwaltschaft von einem dringenden Tatverdacht ausgeht, muss ein Gericht prüfen, ob die Beweislage für eine Hauptverhandlung ausreicht. Gerade bei Cold Cases ist das anspruchsvoll. Zeugen können verstorben sein, Erinnerungen verblassen, Akten können Lücken haben, und alte Spuren müssen besonders sorgfältig erklärt werden. Gleichzeitig kann DNA heute eine enorme Beweiskraft haben, wenn Herkunft, Sicherung und Auswertung sauber dokumentiert sind.
Der Mordfall Renate Borst zeigt damit, wie lang der Weg zur Gerechtigkeit sein kann. Für Angehörige endet ein Mord nicht mit dem Verblassen der Schlagzeilen. Sie leben weiter mit offenen Fragen, mit Bildern aus der Vergangenheit und mit der Hoffnung, dass irgendwann doch noch jemand zur Verantwortung gezogen wird. In vielen Cold Cases scheint die Zeit zunächst auf der Seite der Täter zu stehen. Doch moderne Forensik verändert dieses Bild. DNA-Datenbanken, verbesserte Gutachten, neue Analyseverfahren und die systematische Neubewertung alter Fälle können selbst nach Jahrzehnten Bewegung bringen.
Trotzdem bleibt der Fall juristisch offen. Noch ist der Mann nicht verurteilt. Die Anklage muss beweisen, dass er der Täter ist und dass die vorliegenden Spuren zweifelsfrei zu ihm und zur Tat passen. Die Verteidigung wird prüfen, ob die DNA-Spur eindeutig ist, ob alternative Erklärungen möglich sind und ob die damalige Spurensicherung nach heutigen Maßstäben belastbar bleibt. Gerade nach 41 Jahren wird jeder Schritt der Ermittlungen genau betrachtet werden müssen.
Doch unabhängig vom Ausgang zeigt dieser Fall schon jetzt eine wichtige Botschaft: Alte Mordakten sind nicht automatisch abgeschlossen. Spuren können warten. Asservate können Jahrzehnte überdauern. Und manchmal reicht ein neuer Blick auf altes Material, um eine Wahrheit wieder ans Licht zu holen, die lange begraben schien. Für Renate Borst und ihre Angehörigen könnte dieser Prozess endlich die Antwort bringen, auf die sie seit 1985 warten.



