Fall Fabian aus Güstrow: Warum ein Urteil nicht das Ende sein muss – droht nach dem Mordprozess gegen Gina H. der nächste Kampf vor dem Bundesgerichtshof?

Ein Urteil in einem Mordprozess klingt für viele Menschen wie ein Schlussstrich. Der Richter spricht, die Schuldfrage scheint beantwortet, Angehörige hoffen auf Ruhe, und die Öffentlichkeit glaubt, dass ein Fall endlich abgeschlossen ist. Doch die Realität deutscher Strafverfahren ist oft komplizierter. Gerade bei Tötungsdelikten, Cold Cases und Indizienprozessen beginnt nach dem Urteil häufig eine zweite juristische Runde: die Revision. Der Bundesgerichtshof prüft dann nicht einfach noch einmal alle Beweise neu, sondern kontrolliert, ob das Urteil rechtlich sauber zustande gekommen ist. Und genau deshalb stellt sich nun auch im Fall Fabian aus Güstrow eine brisante Frage: Könnte der Prozess selbst nach einem Urteil am Landgericht Rostock noch lange weitergehen?Neue Details im Fall Fabian: Wichtige Entscheidung könnte noch vor  Weihnachten fallen

Der Fall Fabian ist dafür besonders sensibel. Die Angeklagte Gina H. steht vor dem Landgericht Rostock unter schwerem Tatvorwurf. Der achtjährige Fabian verschwand im Oktober 2025, später wurde seine Leiche gefunden. Die Staatsanwaltschaft geht von Mord aus, die Angeklagte schweigt bislang zu den Vorwürfen. Für sie gilt bis zu einem rechtskräftigen Urteil die Unschuldsvermutung. Doch schon jetzt zeigt sich: Dieser Prozess enthält zahlreiche Punkte, die nach einem Urteil möglicherweise von der Verteidigung oder auch der Staatsanwaltschaft überprüft werden könnten.

Ein Blick auf andere Fälle zeigt, wie schnell selbst schwere Urteile wieder ins Wanken geraten können. Im Fall der 19-jährigen Maria Köhler, die 1984 getötet wurde, verurteilte das Landgericht Aschaffenburg einen Mann im Juni 2026 wegen Mordes zu lebenslanger Haft; die Verteidigung legte Revision ein, weshalb sich voraussichtlich der Bundesgerichtshof damit befassen muss. Auch im Cold Case Cornelia Hümpfer hob der Bundesgerichtshof ein Mordurteil gegen einen früheren US-Soldaten auf; der Fall muss neu verhandelt werden. Und im Fall um den sogenannten „Dorfgangster“ Joseph H. wurde die Verurteilung wegen Totschlags aufgehoben, weil die Beweiswürdigung des Landgerichts nach Darstellung der Berichte lückenhaft und rechtsfehlerhaft gewesen sein soll.

Diese Beispiele zeigen: Auch ein Schuldspruch bedeutet nicht automatisch Rechtskraft. Besonders bei Indizienprozessen ist die Begründung des Gerichts entscheidend. Wenn keine Tatwaffe gefunden wurde, wenn die Beweise aus vielen Einzelteilen bestehen oder wenn alternative Erklärungen nicht ausreichend geprüft wurden, kann die Revision eine zentrale Rolle spielen. Der Bundesgerichtshof fragt dann nicht, ob er persönlich den Angeklagten für schuldig hält. Er fragt, ob das Urteil rechtlich tragfähig begründet wurde, ob Denkfehler vorliegen, ob Beweise korrekt gewürdigt wurden und ob Verfahrensregeln eingehalten wurden.

Im Fall Fabian gibt es mehrere Punkte, die eine spätere Revision denkbar machen könnten. Einer davon ist die Beweislage selbst. Medien berichteten, dass im Prozess bislang keine Tatwaffe gefunden wurde; mehrere Messer seien untersucht worden, ohne dass menschliches Blut nachgewiesen werden konnte. Gleichzeitig sollen DNA-Spuren Fabians im Auto der Angeklagten gesichert worden sein, wobei das Alter einzelner Spuren eine wichtige Frage bleibt. Genau solche Details können später entscheidend sein: Tragen die Spuren wirklich den Mordvorwurf? Oder bleiben Lücken, die das Gericht besonders sorgfältig begründen muss?

Ein weiterer Punkt betrifft digitale Beweise. Im Prozess wurden wiederholt Handydaten, Google-Konten, gelöschte Nachrichten und technische Auswertungen thematisiert. Besonders brisant war die Aussage, dass während der Vermisstensuche private Ermittler beziehungsweise ein unbekannter Dritter Zugriff auf Fabians Google-Konto erhalten haben sollen. Laut Berichten wurde sogar das Passwort geändert; der Vorsitzende Richter äußerte sich fassungslos und verwies auf die Gefahr, dass Beweismittel hätten vernichtet werden können. Für eine mögliche Revision könnte entscheidend werden, ob solche Eingriffe die Beweissicherheit berührt haben und wie das Gericht damit umgeht.

Auch das psychologische Gutachten könnte später eine große Rolle spielen. In einem Mordprozess geht es nicht nur um die Frage, ob eine Tat begangen wurde, sondern auch um Schuldfähigkeit, mögliche Persönlichkeitsstörungen und die Einordnung des Verhaltens der Angeklagten. Wenn Gutachten, Therapieunterlagen oder Zeugenaussagen widersprüchlich wirken, muss das Urteil diese Widersprüche nachvollziehbar behandeln. Tut es das nicht, könnte auch dieser Bereich angreifbar werden.Fall Fabian: Ermittler nehmen Frau wegen „dringendem Mordverdacht” fest

Gleichzeitig darf man Revision nicht mit einem neuen Prozess verwechseln. Der Bundesgerichtshof hört normalerweise nicht alle Zeugen erneut und bewertet nicht jede Emotion neu. Er prüft rechtliche Fehler. Trotzdem kann das Ergebnis dramatisch sein: Wird ein Urteil aufgehoben, muss ein anderer Strafsenat am Landgericht den Fall neu verhandeln. Für Angehörige bedeutet das eine enorme Belastung. Sie müssen Aussagen erneut hören, Details erneut ertragen und möglicherweise jahrelang weiter warten.

Genau deshalb ist die Frage im Fall Fabian so brisant. Sollte Gina H. verurteilt werden, könnte die Verteidigung Revision einlegen. Sollte sie freigesprochen werden, könnte möglicherweise die Staatsanwaltschaft den Rechtsweg prüfen. In einem Verfahren dieser Tragweite wäre es kaum überraschend, wenn eine Seite das Urteil nicht akzeptiert. Das bedeutet nicht, dass eine Revision automatisch Erfolg hat. Aber es bedeutet: Das Urteil am Landgericht könnte nicht der letzte Schritt sein.Fabian aus Güstrow: „Entsetzen, traurig, wütend“ – Reporter vor Ort

Für Fabians Familie wäre das bitter. Sie sucht Wahrheit, Klarheit und Gerechtigkeit. Doch der Rechtsstaat verlangt mehr als ein emotional überzeugendes Urteil. Er verlangt ein Urteil, das rechtlich hält. Gerade bei einem getöteten Kind ist der Druck enorm. Aber genau deshalb muss das Verfahren besonders sauber sein. Jeder Fehler, jede unbeachtete Spur, jede unklare Beweiswürdigung könnte später schwer wiegen.

Am Ende zeigt der Blick auf andere Tötungsfälle: Der wahre Kampf beginnt oft nicht mit dem Urteil, sondern danach. Im Fall Fabian wird deshalb nicht nur entscheidend sein, wie das Landgericht Rostock entscheidet. Entscheidend wird auch sein, ob dieses Urteil einer Überprüfung standhält. Denn erst wenn ein Urteil rechtskräftig ist, kann aus einem Prozess wirklich ein Abschluss werden.