Fall Fabian: Könnte Gina H. vermindert schuldfähig sein – warum Therapieakten, widersprüchliche Lebensgeschichten und das erwartete Psycho-Gutachten den Mordprozess entscheidend verändern könnten

Im Mordprozess um den achtjährigen Fabian aus Güstrow rückt eine Frage immer stärker in den Mittelpunkt, die für das spätere Urteil entscheidend werden könnte: War Gina H. zum möglichen Tatzeitpunkt voll schuldfähig – oder könnte ihre Schuldfähigkeit vermindert gewesen sein? Vor dem Landgericht Rostock wird nicht nur über digitale Spuren, Zeugenaussagen und den Fundort der Leiche gesprochen. Zunehmend geht es auch um die psychische Verfassung der Angeklagten, ihre Therapiegeschichte und eine Reihe auffälliger Widersprüche, die selbst ihren langjährigen Therapeuten vor Gericht in Erklärungsnot brachten.Mordprozess im Fall Fabian: Satz von Gina H. macht Polizist stutzig

Der Therapeut behandelte Gina H. über mehrere Jahre und sprach vor Gericht von einem schweren beziehungsweise komplexen Störungsbild. Öffentlich berichtet wurde unter anderem über Borderline-Symptomatik, Depressionen, Ängste und eine innere Leere. Zugleich soll der Therapeut erklärt haben, er habe viele Schilderungen seiner Patientin nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Das ist in der Psychotherapie nicht ungewöhnlich, weil dort zunächst die subjektive Erlebniswelt des Patienten im Zentrum steht. Vor Gericht aber entsteht genau daraus ein Problem: Was therapeutisch als Erzählung behandelt wird, muss juristisch auf Belastbarkeit geprüft werden.

Besonders irritierend wirken die unterschiedlichen Lebensgeschichten, die Gina H. über Jahre erzählt haben soll. In der öffentlichen Diskussion ist von schweren Krankheiten, einem Gehirntumor, Glasknochen, angeblichen Operationen und wechselnden Erklärungen für Verletzungen die Rede. Mal soll ein Sturz vom Pferd verantwortlich gewesen sein, mal ein Partner. Besonders auffällig ist die Darstellung, sie habe sich angeblich die Gebärmutter entfernen lassen, später aber Angst vor einer Schwangerschaft gehabt. Solche Widersprüche wirken auf Außenstehende kaum vereinbar. Doch juristisch muss genau geprüft werden, ob es sich um falsche Erinnerungen, Missverständnisse, ungenaue medizinische Angaben, bewusste Täuschung oder Ausdruck einer psychischen Störung handelt.Mordfall Fabian: Zeuge enthüllt schockierende Details | Regional | BILD.de

Auch der Alltag der Angeklagten steht im Widerspruch zu Teilen ihrer Krankheitsgeschichte. Während sie laut Therapeut wegen Angst vor Menschenmengen und fehlender Belastbarkeit nicht gearbeitet habe, wurde vor Gericht thematisiert, dass sie täglich mehrere Pferde versorgte und Reitturniere besuchte. Der Vorsitzende Richter stellte diese Diskrepanz kritisch in den Raum; auch der Therapeut sah darin laut Berichten einen Widerspruch. Genau diese Spannung ist für das Verfahren wichtig: Wer psychisch krank ist, kann dennoch in bestimmten Lebensbereichen funktionieren. Aber wenn die Selbstdarstellung und der tatsächliche Alltag weit auseinanderliegen, muss das Gericht verstehen, warum.

In der öffentlichen Debatte fällt nun auch der Begriff Münchhausen-Syndrom. Damit ist eine Störung gemeint, bei der Menschen Krankheiten vortäuschen oder hervorrufen, um Aufmerksamkeit, Zuwendung oder eine bestimmte Rolle zu erhalten. Doch dieser Begriff darf im Fall Gina H. nicht leichtfertig als Diagnose verwendet werden. Bislang ist öffentlich kein offizielles Gutachten bekannt, das eine solche Diagnose bestätigt. Deshalb wäre es unseriös, Gina H. einfach als Münchhausen-Patientin zu bezeichnen. Die richtige Frage lautet vielmehr: Gibt es Hinweise auf ein Muster wechselnder Krankheitsgeschichten – und welche Bedeutung hätte ein solches Muster für ihre Glaubwürdigkeit und Schuldfähigkeit?

Genau hier liegt der Unterschied zwischen Glaubwürdigkeit und Schuldfähigkeit. Wenn eine Person ihre Biografie immer wieder anders erzählt, kann das Zweifel an einzelnen Angaben wecken. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass sie eine Tat begangen hat. Es bedeutet auch nicht automatisch, dass sie vermindert schuldfähig war. Für eine verminderte Schuldfähigkeit müsste ein Gutachten prüfen, ob zum möglichen Tatzeitpunkt eine schwere seelische Störung vorlag, die Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit erheblich beeinträchtigte. Eine widersprüchliche Lebensgeschichte allein reicht dafür nicht aus.

Das erwartete psychologische beziehungsweise psychiatrische Gutachten könnte deshalb zu einem Schlüsselstück des Prozesses werden. Es muss nicht nur Diagnosen benennen, sondern deren Bedeutung für den Tatvorwurf einordnen. War Gina H. emotional instabil, aber grundsätzlich steuerungsfähig? War sie in der Lage, Handlungen zu planen, zu verschleiern und Folgen zu erkennen? Oder gab es eine psychische Dynamik, die ihre Kontrolle über das eigene Verhalten erheblich beeinträchtigte? Diese Fragen können über Strafmaß, rechtliche Bewertung und das Bild der Angeklagten entscheiden.Fabian-Prozess: Psychotherapeut von Gina H. enthüllt neue Details

Für die Staatsanwaltschaft könnten die Widersprüche in Gina H.s Erzählungen ein Hinweis darauf sein, dass sie sich selbst je nach Situation anders darstellt. Für die Verteidigung könnten dieselben Widersprüche Ausdruck einer tiefen psychischen Störung sein. Das Gericht muss zwischen beiden Möglichkeiten unterscheiden. Besonders schwierig ist dabei, dass psychische Erkrankungen selten sauber und logisch wirken. Menschen können widersprüchlich handeln, ohne bewusst zu lügen. Sie können Geschichten übertreiben, verzerren oder neu zusammensetzen, weil sie innerlich instabil sind. Aber sie können auch strategisch erzählen, um Vorteile zu erreichen. Genau diese Grenze ist im Fall Fabian so schwer zu ziehen.

Am Ende darf jedoch nicht vergessen werden, worum es im Kern geht: Fabian ist tot. Die Staatsanwaltschaft wirft Gina H. vor, den Jungen getötet und seine Leiche verbrannt zu haben. Sie schweigt bislang zu den Vorwürfen; bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung. Die Frage nach ihrer Psyche darf deshalb weder zur Vorverurteilung noch zur einfachen Entschuldigung werden. Sie ist ein juristisch notwendiger Teil der Wahrheitssuche.

Der Prozess geht weiter – und mit ihm die offenen Fragen. Ist Gina H.s widersprüchliche Biografie Ausdruck einer Krankheit? Teil einer Strategie? Oder ein Hinweis auf ein tiefes Identitätsproblem, das ihr Leben seit Jahren geprägt hat? Das Psycho-Gutachten könnte erstmals Ordnung in dieses Chaos bringen. Doch bis dahin bleibt der Fall Fabian genau das, was er seit Beginn ist: ein erschütternder Mordprozess, in dem jede Antwort sofort neue Fragen öffnet.