Die Farben auf der Leinwand waren noch nicht trocken, als das Telefon klingelte. Mara trat einen Schritt zurück von der Staffelei. Die Winterlandschaft war grau, ein karger Baum vor schweren Wolken. Zu düster für die Kundin.

Aber heute konnte sie nichts helles malen. „Mara. “ Stefans Stimme klang seltsam aufgeräumt. „Nächste Woche ist unser Hochzeitstag.
Ich habe im Grand Hotel Meridian in Braunau ein Zimmer gebucht. Zwei Nächte, nur wir zwei. “
Sie schwieg. Stefan war nie romantisch.
Letztes Jahr hatte er den Jahrestag vergessen. „Wir müssen reden, Mara. Wirklich reden. “
Im Hintergrund hörte sie Musik, Stimmengewirr, ein weibliches Lachen.
Das klang nicht nach der Stille einer Kanzlei am Abend. „Wo bist du? “
„In der Kanzlei. Abendgespräch mit den Partnern.
“ Er legte auf. Sie stellte den Pinsel ins Glas mit Verdünner. Morgen würde sie das Bild fertigstellen müssen. Etwas Licht in den Himmel bringen.
Aber heute wagte sie es nicht. Zwei Stunden Fahrt nach Braunau. Stefan hatte das Navi eingeschaltet, obwohl er die Strecke kannte. Er antwortete einsilbig.
Am Morgen war er ungewohnt schweigsam gewesen, hatte seine Tasche gepackt, wie ein Mann, der eine schwierige Aufgabe erledigte. „Hast du dein schwarzes Kleid mitgenommen? “, fragte er beim Einladen. „Welches schwarze Kleid?
“
„Das von der Firmenfeier. Es stand dir sehr gut. “
Sie runzelte die Stirn. Er bemerkte ihre Kleidung selten.
Das Hotel roch nach teuren Blumen und poliertem Marmor. Vor neun Jahren waren sie Hand in Hand durch die Drehtür gekommen. Jetzt ging Stefan geradeaus zur Rezeption, ohne sich umzudrehen. Das Zimmer war prachtvoll.
Großes Bett, Panoramafenster, frische Rosen. Wie damals. Nur das Gefühl war anders. „Erinnerst du dich?
Du sagtest, du wolltest die Aussicht malen. Es würde dein bestes Bild. “
„Ich habe es nie gemalt. “
Er trat einen Schritt zurück.
„Mara, unsere Ehe ist am Ende. Ich glaube, wir wissen das beide. Du in deinem Keller, ich bei der Arbeit. Wir reden kaum noch miteinander.
“
„Du hast mich hergebracht, um mir das zu sagen? Weil hier alles anfing? “
„Es schien mir richtig, es auch hier zu beenden. “
Beim Abendessen trug Stefan einen Anzug, den sie noch nie gesehen hatte.
Maßgeschneidert, teuer. Er bestellte Wein, ohne sie zu fragen. Eine junge Frau blieb an ihrem Tisch stehen. Blond, Anfang dreißig, in einem eleganten schwarzen Kleid.
„Stefan, was für eine Überraschung. “ Ihre Hand blieb eine Sekunde zu lang auf seiner Schulter. „Und das muss deine Frau sein. “ Sie wandte sich Mara zu.
In ihren Augen lag etwas, das als Neugier getarnt war, aber Triumph war. „Leonie Brand. Ich arbeite mit Stefan zusammen. Sehr erfreut.
Sie sind Künstlerin, nicht wahr? “
„So ähnlich. “
„Haben Sie eine eigene Galerie? “
Die Fragen kamen schnell, jede ein kleines Messer.
Mara erkannte, dass die junge Frau die Antworten kannte, bevor sie fragte. Als Leone zu ihrem Tisch zurückging, flüsterte sie ihrer Freundin etwas zu. Beide lachten leise. „Hübsche Kollegin“, sagte Mara.
Stefan antwortete nicht. Zurück im Zimmer trank er Whisky und erzählte ihr, was sie schon wusste. Vier Monate. Seit Oktober.
Er war nach Hause gekommen, hatte mit ihr zu Abend gegessen, war in dasselbe Bett gegangen – und hatte gelogen. Nicht aus Angst. Aus Berechnung. Er brauchte Zeit, die Scheidung zu regeln, die Vermögensaufteilung, sein neues Leben.
„Du hast mich hierher gebracht, weil niemand schreit, wenn du es in einem Hotel sagst? “
Er sprach von Leonie als wäre sie eine Investition. Klug, ehrgeizig, vorausschauend. Er sprach von Mara als wäre sie ein Projekt, das nicht die erhoffte Rendete gebracht hatte.
Irgendwann stand sie auf. „Ich brauche frische Luft. “
Er nickte, ohne den Blick vom Telefon zu heben. Auf dem Display blinkten Nachrichten.
Die Balkontür öffnete sich mit einem leisen Klicken. Die Kälte traf sie sofort. Sechs Grad unter null. Sie trug nur ihr Kleid, aber die körperliche Kälte fühlte sich ehrlicher an als die erstickende Atmosphäre drinnen.
Sie lehnte am Geländer, blickte nach unten. 27 Stockwerke. Als sie zur Tür zurückkehrte, gab der Griff nicht nach. Sie zog fester.
Nichts. Sie klopfte gegen das Glas. Stefan saß mit dem Rücken zum Balkon und telefonierte. Seine Stimme war leise, fast zärtlich.
So hatte er seit Jahren nicht mehr mit ihr gesprochen. Sie hämmerte. Er drehte sich nicht um. Sie schrie.
Der Wind trug ihre Stimme davon. Dann kam er zur Tür. Stellte sich direkt davor, durch das Glas von ihr getrennt, und sah sie an. Sein Gesicht zeigte kein Erschrecken, keine Verwirrung.
Es zeigte Befriedigung. Er hob die Schultern in einer übertriebenen Geste der Hilflosigkeit, formte mit den Lippen Worte, die sie lesen konnte: „Die Tür ist zugefallen. Tut mir leid. “
Dann wandte er sich ab, setzte sich, griff zum Telefon.
In diesem Moment verstand Mara, warum er sie hergebracht hatte. Nicht um zu reden. Nicht um das Kapitel abzuschließen. Die Geschichte vom romantischen Jubiläum, das Hotel mit dem sentimentalen Wert, das ehrliche Gespräch – alles eine Vorbereitung gewesen.
Die Kälte wurde unerträglich. Ihre Finger ließen sich nicht mehr beugen, ihre Beine zitterten. Sie sank auf die Knie in den Schnee auf dem Balkonboden und schrie mit den letzten Kräften nach oben. Das Licht auf dem Balkon der 28.
Etage ging an. „Was ist da unten los? “
„Ich bin eingesperrt. Bitte helfen Sie mir.
“
Der Mann verschwand, kam zurück mit einer Notfallleiter. Er ließ sie herunter und zog sie hoch, Meter für Meter, während ihre tauben Hände das Seil kaum halten konnten. Als er sie über das Geländer zog und ins warme Zimmer führte, brachen ihre Beine unter ihr zusammen. Er hieß Konrad Maurer, Ingenieur, frisch geschieden.
Er hatte Schlaflosigkeit und im Sessel am Fenster gelesen, als er ihre Schreie hörte. Er brachte Decken, warme Handtücher, kochte Tee mit Honig, rieb ihre Arme und Beine. „Ihr Mann hat Sie absichtlich eingesperrt? “
„Ja.
“
„Wir müssen die Polizei rufen. “
„Warten Sie noch nicht. “
Sie beobachteten gemeinsam vom Fenster aus, wie Stefan zurückkam, wie er das leere Zimmer betrat, wie er auf dem Balkon nach ihrer Leiche suchte, wie er das Hotelpersonal alarmierte, die Rettungskräfte, schließlich die Polizei. Seine Aussage war meisterhaft.
Er sprach von einem durch Frost verklemmten Schloss, von einer aufgewühlten Ehefrau, die allein auf den Balkon gegangen war, von tiefem Schlaf. Dann beobachteten sie, wie Leonie in einem Taxi eintraf und zwanzig Minuten später wieder davonfuhr. Am nächsten Morgen stand Mara in der Hotellobby. Sie trug die Kleidung vom Vortag, die Konrad über Nacht gewaschen und getrocknet hatte.
Sie sah müde aus, aber nicht verängstigt. Der erste Reporter erkannte sie. „Das war kein Unfall“, sagte sie klar und ruhig. „Mein Mann hat mich absichtlich auf dem Balkon eingesperrt in der Hoffnung, dass die Kälte das erledigt, was er nicht selbst tun wollte.
Ich habe überlebt, und ich bin bereit, das zu bezeugen. “
In der Polizeidirektion saß Stefan ihr gegenüber, durch Glas getrennt. Als er sie sah, wurde sein Gesicht weiß. In seinen Augen lag keine Reue, nur das ungläubige Entsetzen eines Mannes, dessen sorgfältig konstruierter Plan bis auf die letzte Schraube auseinandergefallen war.
Er bat um einen Anwalt. Es half ihm wenig. Mara unterzeichnete ihre Aussage gegen Abend. Die Sonne ging unter, goldenes Licht fiel durch die Fenster.
Konrad wartete auf dem Flur, die Hände in den Jackentaschen. „Und jetzt? “, fragte er, als sie nebeneinander ins Freie traten. „Jetzt ein neues Leben“, sagte sie.
Sie dachte an das Gemälde in ihrem Keller. Den kahlen Baum, den schweren Himmel. Morgen würde sie zurückfahren. Sie würde das Bild von der Staffelei nehmen und neu anfangen.
Nicht, weil jemand es von ihr verlangte. Sondern weil sie zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl hatte, dass es etwas gab, das es wert war, gemalt zu werden.


